• Julia

Der Sprung aus 4000m Höhe

Aktualisiert: 9. Juni 2018

Schon vor vielen Monaten schrieb ich meine Bucket-List, also ich notierte die Dinge die ich in meinem Leben unbedingt tun wollte. Überwiegend hielt ich dort Reiseziele und Abenteuer fest und tatsächlich erfüllte ich mir auch schon so einige dieser Wünsche. Auf der Suche nach einem Geschenk zu meinem 30. Geburtstag im Mai dieses Jahres, bediente sich mein Freund heimlich dieser Liste und wählte? Na Klar! Gleich die Nummer 1! Einen Fallschirmsprung! Es hätte gewiss noch andere Dinge gegeben, die sich wesentlich entspannter gestaltet hätten, aber ich wollte es ja schließlich nicht anders...



Vorbereitung auf das große Abenteuer


Da wir im September eine Reise in die Dolomiten und das Allgäu geplant hatten, terminierte ich kurzerhand einen Sprung in Memmingen bei den Flying Bones (der Name lässt schon Spannendes vermuten) für den 16.09.2017. Ich dachte mir, wenn der Termin erst einmal steht, mache ich auch sicher keinen Rückzug mehr. Ich freute mich, dass Oli sich auch einen Gutschein kaufte, denn er wollte mich dann doch nicht allein aus einem Flugzeug springen lassen.


Wir genossen also unseren wunderbaren Urlaub in den Bergen und ich schaute immer wieder Videos von geglückten Sprüngen und las positive Bewertungen über unsere Tandempartner. Nun, ich dachte mir, diejenigen die schlechte Erfahrungen gemacht haben, können es ja auch nicht mehr bewerten! Aber wir waren voller Tatendrang es wirklich zu tun. Bis Tag 6 vor dem Sprung kam. Wir lasen am 10. September ganz zufällig in den Nachrichten von einem Sprung, bei dem sich beide Schirme von einem Springer nicht richtig öffneten und er nur dank einer unsanften Landung in einer Fichte nicht starb und mit unzähligen Knochenbrüchen, einem nahezu abgetrennten Arm und einem Schädelhirntrauma davon kam. In diesem Moment stieg große Angst in mir auf und damit wich auch der Mut es wirklich zu tun. Ich glaube wir haben den Artikel mehrere Male gelesen und ich, die in jeder Sache die mir begegnet ein Zeichen sucht, dachte mir: Da ist das Signal, dass du das nicht tun solltest, weil es absolut lebensgefährlich ist!


Schlaflose Nächte


Wieso um alles in der Welt sollte ich auch aus einem intakten Flugzeug springen? Wieso wollte ich das tun? Was wollte ich mir da eigentlich beweisen? Und was wäre, wenn ich gut landen würde, aber Oli etwas zustößt? Mit welchem Gewissen sollte ich dann weiterleben? Plötzlich gingen mir 1000 Fragen und Bilder durch den Kopf. Ich schlief von diesem Tag an keine Nacht mehr durch und fragte mich, was ich uns da eingebrockt hatte. Es machte plötzlich alles keinen Sinn mehr und ich legte mir einige Ausreden zurecht, die wir dem Veranstalter nennen könnten, warum wir leider kurzfristig doch nicht springen können. Und davon gab es einige! Im Grunde hatten wir den Sprung gedanklich nach diesen Nachrichten schon abgesagt… aber aus irgendeinem Grund taten wir genau das nicht. Dank unseres grandiosen Urlaubs und vielen Wanderungen durch die Dolomiten versuchten wir einfach nicht mehr daran zu denken und die Tage zogen an uns vorbei. Doch insgeheim beteten wir beide, dass das schlechte Wetter, welches meine Wetter App für Samstag anzeigte sich halten würde und der Pilot den Sprung absagen würde.


Vom Veranstalter wurde vereinbart, dass wir erst am Sprungtag eine! Stunde vor Treffpunkt erfahren würden, ob er tatsächlich stattfindet. Am Abend vorher stieg meine Aufregung fast ins Unermessliche. In der Nacht lag ich stundenlang wach und fragte mich die ganze Zeit ob ich einen an der Waffel hatte, dass ich das wirklich machen wollte. Wir beide kennen nur zwei Menschen, die es vor uns getan haben. Immerhin fanden die beiden es unbeschreiblich toll und haben uns dringend dazu geraten. Alle anderen jedoch, vor allem unsere Familien, hielten uns für komplett bescheuert. Nun gut. Etwas verrücktes tat ich hin und wieder sehr gern und immerhin hatte ich schon eine Ballonfahrt gemacht, Parasailing und einen Thermik Gleitschirmflug ausprobiert und auch Hubschrauber und Kleinflugzeug fliegen war für mich kein Problem. Bis dato war ich in nahezu jede Achterbahn gestiegen und fand es immer grandios. Ich liebte das Bauchkribbeln und wollte immer mehr davon. Ergo müsste ich mich doch auch die absolute Steigerung trauen. Dachte ich. Doch mit steigendem Alter wird man sich ja auch dem Ableben immer bewusster und so spielten mein „Tu-Es-Teufel“ und mein „Lass-es-sein-Engel“ ein jähes Spiel in meinem Kopf. Bis der Samstag kam.


Die Entscheidung


Punk 9 Uhr am Samstag Morgen wählte ich mit zitternden Händen die Nummer der Flying Bones. Tanja ging sofort und gut gelaunt ans Telefon und sagte zu mir: „Unser Pilot ist optimistisch. Bitte kommt her, wir werden heute springen!“ Ich bedankte mich und legte mein Handy beiseite. Mein Herz schlug nun wie wild und ich bekam kalte Hände. Oli, der schon lächelnd vor dem verregneten Fenster stand und nicht mehr damit rechnete, verzog ebenfalls sofort das Gesicht und war von meiner Nachricht sichtlich irritiert. Wir sahen uns beide tief in die Augen, nickten und beschlossen still: Nun müssen wir da durch, was soll’s, dann springen wir halt.

Ich versuchte noch etwas zu essen, damit ich Kräfte für das Bevorstehende hätte, aber nach einem halben Brötchen war mein Magen vorzeitig geschlossen und einen Kaffee brauchte ich nun trotz schlafloser Nacht auch nicht mehr. Adrenalin machte sich langsam breit, wir zogen unsere Sportsachen an, starteten unser Auto und fuhren Richtung Memmingen. Noch nie habe ich eine ganze Autofahrt schweigend aus dem Fenster gesehen. Wir hatten uns beide nicht mehr viel zu sagen, zu stark war unsere Angst vor dem was da gleich kommen mochte.


Vertragsunterzeichnung


Am Flugplatz Memmingen angekommen waren alle schon in freudiger Erwartung auf unser Abenteuer. Es regnete nun nicht mehr und ab und an riss die geschlossene Wolkendecke auf und wir konnten blauen Himmel entdecken. Ich wusste in diesem Moment nur nicht ob ich mich darüber freuen oder es verfluchen sollte. Und dann ging alles wahnsinnig schnell: per Video wurden wir in unsere Haltung und alles Wichtige zum Sprung eingewiesen und ich setzte meinen Namen unter einen Vertrag den ich so noch nie unterschrieben hatte. Lesen wollte ich ihn nicht in Gänze, denn das machte mir nur noch mehr Sorge. Der einzige Satz den ich las, brannte sich jedoch so richtig bei mir ein: „…schließlich ist mir bewusst, dass das Extrem-Risiko darin besteht, dass sich der Hauptfallschirm nicht öffnet und der für diesen Fall vorhandene Reservefallschirm ebenfalls versagt. Soweit gesetzlich zulässig, entbinde ich als Passagier/-in o.g. Tandempiloten von jeglicher Haftung…“ Okay, der Satz ist angekommen. Ich unterzeichnete schnell und wortlos.


Nachdem ich den Overall anzog, Patrick sich mir als erfahrener Tandem Pilot mit circa 30 Sprüngen pro Wochenende vorstellte und ich meine Flugkappe bekam, stiegen wir auch schon in die kleine alte Cesna ein. Wir beschlossen, dass Oli als Erster springen würde und nahmen so angeordnet auf dem Fußboden der für 5 Personen zugelassenen Maschine Platz. Jetzt gab es kein zurück mehr, dachte ich. Nun bin ich mitten drin in meiner Misere.



Da ich mich in der neuen Situation erst einmal zurechtfinden musste, dachte ich für kurze Zeit nicht mehr über meine Aufregung nach, sondern wurde plötzlich ganz ruhig und konzentriert. Der Flug auf 4000 m Höhe würde 15 Minuten dauern, sagte Patrick. Okay, das war noch genug Zeit für ein paar Gedanken, fand ich. Nach einigen Minuten lag schon die erste Wolkenschicht unter uns und es standen bereits 1000m Höhe auf dem Höhenmesser. Patrick erzählte mir von seinen vielen erfolgreichen Sprüngen, drückte immer wieder auf den Auslöser seiner GoPro und versuchte mir mit seinen Scherzen wieder Mut zu machen. Ich lächelte hin und wieder für die Kamera und dachte: Der hat gute Reden, macht ja den lieben langen Tag nichts anderes als das hier! Aber ich arbeite im Büro und erlebe sonst nicht unbedingt vergleichbare Gefahren in meinem Alltag…



Patrick wollte nun, dass ich auf seinen Schoß rutschte, damit er meinen und seinen Sprunganzug mittels vier starker Karabiner verbinden konnte. Er ließ mich alle Verbindungen drei Mal kontrollieren und wir besiegelten es anschließend mit einem vertrauten Handschlag. Oli und sein Partner Marius taten dasselbe. Nun waren wir beide fertig. Und ich fertig mit den Nerven. Plötzlich rief der Pilot neben uns: „Noch zwei Minuten bis zum Absprung!“ Heiliger Bimbam!!! Diese Aussage machte mich nun vollkommen nervös! Mein Herz schlug bis zum Hals und ich rief Oli ein letztes „Ich liebe dich“ zu und sagte mir innerlich: Ich bin jetzt ganz stark und ich packe das!




Türenöffnung!


Die angekündigten zwei Minuten vergingen sprichwörtlich wie im Flug und plötzlich öffnete Marius die Tür des Flugzeuges, als wäre es das normalste der Welt. Wir schauten auf dicke Wolkenbänder und ich sah nun das Trittbrett, auf das Oli gleich zuerst vorrutschen würde. Der Wind war unglaublich kalt und laut. Nun rutschten die beiden Richtung Türöffnung und sahen direkt nach unten ins weiße Nichts. Oli überkreuzte die Arme vor der Brust und legte den Kopf wie vorgeschrieben in den Nacken. Marius gab mit seinem Daumen das Go und keine Sekunde später fielen beide im Purzelbaum und wie ein Gummiball aus den Flugzeug. Ich hatte keine Zeit darüber nachzudenken, ob bei ihm alles gut gegangen war, denn nun war unmittelbar ich an der Reihe. Auch wir rutschten nun direkt an die kleine Tür, der Wind zog wie verrückt und ich bekam schon jetzt kaum noch Luft. Ich saß direkt neben dem Piloten auf dem Fußboden vor einer geöffneten Flugzeugtür auf der ich nun auf einem Aufkleber zwei Worte lesen konnte „OH SHIT!“ Selten so gelacht. Mir ging nun absolut nichts mehr durch den Kopf, nur dass ich da jetzt irgendwie durch muss. Patrick zählte nicht wie ich zunächst vermutete die Sekunden runter und das fand ich rückblickend sehr charmant.





Holy Shit!


Hoch konzentriert nahm ich meine Haltung ein, Patrick klopfte mir auf die Schulter, rutschte noch 10 Zentimeter nach vorn und plötzlich sprangen auch wir mit einer Rolle vorwärts aus dem Flugzeug heraus. Ich kniff meine Augen ganz fest zusammen und hielt einige Sekunden die Luft an. Ich wusste nur, es würden circa 50 Sekunden freier Fall folgen bis hoffentlich der Schirm aufgeht.

Nach ungefähr 5 Sekunden öffnete ich todesmutig das erste Mal meine Augen und sah nur den Abgrund. Rechts und links von mir nichts als dicke Wolken. Es prasselte kalter Eisregen in mein Gesicht und meine einzigen Gedanken waren: Ist das krass was ich hier mache!!! Ich rase kopfüber mit 200 Stundenkilometer Richtung Boden und weiß noch nicht ob ich lebend unten ankommen werde. Ich spürte beim Fallen absolut nichts außer den kalten Niederschlag. Ich hatte kein Bauchkribbeln wie beim Paragleiten, kein Glücksgefühl wie beim Ballonfahren und keinen schönen Ausblick wie beim Helikopterflug. Ich fiel einfach nur vom Himmel und sah die Felder und Häuser immer näherkommen. Wenige Sekunden später klopfte Patrick mir wieder auf die Schulter. Das hieß, ich könnte nun meine Arme jetzt ausbreiten und den Flug wie ein Vogel genießen! Und das versuchte ich… Die 50 Sekunden im freien Fall vergingen rasant schnell und wirkten auf mich höchstens wie 10 Sekunden. Also genoss ich diese Sekunden des freien Falls.



Einige Sekunden später kam endlich der ersehnte Ruck! Der Schirm! Er war auf! Wie geil, dachte ich! Ich lebe noch!! Ich darf mein Leben fortsetzen! Nachdem diese dankbaren Gedanken vorbeizogen und ich endlich wieder lachen konnte, suchte ich Oli’s Schirm am Horizont und fand ihn weit und breit nicht. Er war doch nur wenige Sekunden vor mir gesprungen! Aufgeregt fragte ich Patrick, wo die beiden sind und so drehte er den Schirm für mich und zeigte auf einen roten Schirm wenige Meter unter uns. Was für eine Freude! Wir leben beide noch! Keine Landung in der Fichte, kein Aufprall ohne Schirm. Alles geht weiter wie vorher. Was für ein geiles Gefühl!



Plötzlich stieg ein flaues Gefühl in mir auf und Übelkeit machte sich breit. Patrick beruhigte mich und sagte das wäre normal durch den Ruck und die veränderte Position die man nach der Schirmöffnung einnimmt. So schnell wie sie kam, ging sie auch wieder vorbei und ich konnte nun die Sicht über die Alpen bis hin zum Bodensee genießen. Nun stellte sich das mir bereits vertraute und schöne Gefühl ein, welches ich vom Paragleiten kannte. Meine Beine hingen in der Luft, es war wunderbar still und friedlich und ich genoss die grandiose Sicht!



Der Boden kam nun langsam immer näher und ich zog die Beine nach oben und spitzte die Füße für die vorgeschriebene Landung im Sitzen. Diese klappte hervorragend und so saßen wir einige Sekunden später beide im nassen Feld direkt neben Oli und Marius. Da waren wir wieder. Patrick umarmte mich und freute sich, dass ich stolz lachte und es mir wieder besser ging. Sofort rannte ich zu Oli rüber und auch wir fielen uns stolz und überwältigt in die Arme. Überglücklich machten wir ein Foto von uns und schrieben unseren besorgten Eltern, dass wir noch leben und gut wieder gelandet sind.



Die Lehre der Angst


Einige Seufzer und Umarmungen später saßen wir wieder im Auto. Dieses Mal entspannt und gelöst. Doch erneut war ich still und nachdenklich. Ich dachte an die übergroße Angst, die ich noch vor Stunden hatte. Selten hatte sie so ein Ausmaß angenommen wie vor dem Sprung. Wir alle kennen Angst und Aufregung: Zum Beispiel das mulmige Gefühl vor einer Prüfung, den trockenen Mund, die eiskalten Hände, die Enge in der Kehle. Doch wir kennen auch das Gefühl, welches sich nach der Überwindung der Angst einstellt. Wohlig warme Erleichterung. Glückseligkeit. Stolz. Dankbarkeit.


Nun wusste ich plötzlich wieder warum ich Fallschirmspringen an die erste Stelle meiner Bucket List geschrieben hatte. Für mich stellte ein Fallschirmsprung eine besonders krasse Art der Konfrontation mit der Angst dar. Ich wage sogar zu behaupten, dass es fast nicht Extremeres gibt, um seine eigenen Grenzen auszutesten. Ich wollte genau an diese Grenzen gehen. Und ich wollte wissen, wie groß die Glückseligkeit wohl sein mochte, die sich danach einstellen würde.


Ich dachte weiter und tiefer über die Momente an der offenen Tür im Flugzeug nach und ich habe etwas festgestellt: An dem Punkt, an dem die Gefahr für mich scheinbar am größten war, war meine Angst auf ein Minimum gesunken... Ich fragte mich also, warum ich mir schon tagelang die schlimmsten Szenarien ausgemalt hatte, wenn es mir in dem Moment wo ich dann tatsächlich an der Tür stand und springe, nichts mehr ausmacht, sondern es sogar absolut genial ist?


Ich habe an diesem Samstag einmal mehr und besonders intensiv gelernt, dass die allerbesten Momente in unserem Leben auf der anderen Seite der Angst liegen. Irgendwann in Leben kommen wir an einen Punkt, da haben wir keine Prüfungen mehr, da liegt nichts Außergewöhnliches mehr vor uns, was wir bewältigen oder bestehen müssen. Da schleichen sich mehr und mehr die vertrauten Gewohnheiten ein und wir machen es uns so richtig gemütlich in unserer Komfortzone.

Das bedeutet nicht, dass es dort schlecht ist. Doch gibt es außerhalb dieser Zone noch viele absolut fantastische Dinge zu erleben, wenn wir uns nur trauen sie zu wagen. Und das sollten wir unbedingt, denn nur dann können wir über uns hinauswachsen und echte Glückseligkeit erleben.


Ich weiß nun, wenn ich das nächste Mal in meinem Leben in eine mich vor Angst übermannende Situation komme, dass ich nur kurz die Augen schließen und an diesen grandiosen Fallschirmsprung denken muss.


Und dann wird mir wieder klar werden, dass es nichts gibt, was ich nicht schaffen kann.

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© Julia Funke 2020